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Grönland Transversale 2006


Donnerstag, 15. Juni - Kopenhagen:
Früh am Morgen fliegen wir mit Air Greenland von Ilulissat zum internationalen Flughafen nach Kangerlussuaq. Für den direkten Weiterflug nach Kopenhagen, stehen wir auf der Warteliste. Bei unserer Ankunft erfahren wir jedoch, dass doch noch wenige Plätze frei sind und wir ohne Aufenthalt direkt weiterfliegen können. Durch die vierstündige Zeitverschiebung erreichen wir Kopenhagen am Abend. Hier trennen sich unsere Wege: Georg fährt mit dem Bus über Berlin nach Leipzig, Johannes und Martin fahren mit dem Zug über Hamburg nach Frankfurt bzw. Wuppertal. Mit der Ankunft in der Heimat findet die Grönland Transversale nach insgesamt 40 Reisetagen ihren Abschluss. Auch dieses Tagebuch schließt hiermit. Weiterhin werden wir in unregelmäßigen Abständen in den News berichten.



Mittwoch, 14. Juni - Ilulissat:
Wir erkunden Ilulissat - die Stadt am Eisfjord. Unzählige weiße Berge treiben vor der Küste in der Diskobucht. Bei der Polizei melden wir unsere Expedition ab. Damit ist die Grönland Transversale jetzt auch offiziell abgeschlossen. Bei andauerndem Schneeregen packen wir unsere Ausrüstung für den Rücktransport mit TNT zusammen und liefern alles bei der Luftfracht am Flughafen ab. Das triste Wetter erleichtert uns den Abschied. Morgen werden wir nach Kangerlussuaq fliegen und vielleicht auch schon einen Anschlussflug nach Kopenhagen bekommen.



Dienstag, 13. Juni - Ilulissat:
Nach einem letzten Kraftakt erreichen wir heute den Ort Ilulissat - wir sind am Ziel unserer Expedition angekommen! Noch einmal zerren wir die Pulka-Schlitten über Felsplatten, Gestrüpp und sumpfige Wiesen. Nach 34 Tagen und etwa 750 Kilometern seit unserem Aufbruch in Tasiilaq, empfängt uns an der Westküste das Heulen der Schlittenhunde in Ilulissat. Wir sind glücklich nach der Überquerung des Inlandeises auch noch die anstrengende Strecke durch das Küstengebirge geschafft zu haben. Der Weg von Ost nach West liegt hinter uns.



Montag, 12. Juni - 69°13'16''N 50°56'14''W:
Die meiste Zeit folgen wir heute einer Hundeschlittenroute, von der in den Schneefeldern noch Spuren zu sehen sind. Doch die Ausdehnung der Schneefelder schwindet mit abnehmender Höhe dahin. Häufig müssen wir die Pulka-Schlitten über von Steinen durchsetzte Moosfelder zerren - Hänge hinauf und hinab. Dabei knarren und rumpeln die Schlitten hinter uns her, stoßen gegen Felsblöcke und müssen in Bächen und Sumpf ihre Schwimmeigenschaften beweisen. Zum Glück sind die Seen entlang der Route noch immer zugefroren, so dass wir zumindest dort die Schinderei unterbrechen und zügiger voran kommen. Am Ende des Tages sind wir nach 10 Stunden 10 Kilometer weiter gekommen. Aber Ilulissat rückt immer näher. Schritt für Schritt erarbeiten wir uns den Weg dorthin. Auch wenn es ein hartes Stück Arbeit ist.



Sonntag, 11. Juni - 69°15'13''N 50°41'53''W:
Am Morgen steht die Sonne am wolkenlosen Himmel. Schnell breiten wir unsere nasse Ausrüstung vor dem Zelt zum trocknen aus. Bei dem guten Wetter ist die Orientierung und die Routenfindung durch die Berge heute deutlich einfacher. Aber das auf und ab bleibt anstrengend. Häufig nutzen wir ausgedehnte Schneefelder, oder noch immer zugefrorene Seen als Route. Aber auch eine steile Passage, an der wir die Pulka-Schlitten einzeln zu dritt über Geröll schleppen, kostet erneut viel Zeit. Phantastisch ist hingegen der Blick zum Meer und zur Disko-Insel, wie auch auf den Ilulissat Eisfjord. 



Samstag, 10. Juni - 69°19'21''N 50°34'07''W:
Bei leichtem Schneefall ziehen wir heute die Pulka-Schlitten durch die wolkenverhangenen Berge. Die schlechte Sicht macht die Orientierung in dem unebenen Gelände schwierig. Um nicht wieder alles dreimal laufen zu müssen, ziehen wir die Schlitten komplett beladen über Schneefelder, Moospolster, Steine und Sumpf. Der Schnee ist nass und tief - bis zu den Hüften sinken wir oft ein. Und auch über Bäche und kleine Flüsse wuchten wir die Schlichten. In 9 Stunden kommen wir unserem Ziel so nur etwa 5 Kilometer näher.



Freitag, 09. Juni - 69°21'13''N 50°28'18''W:
Bei Regenwetter und starker Bewölkung haben wir heute den Marsch nach Ilulissat in Angriff genommen. Vom Fjord sind wir ins noch stark verschneite Küstengebirge aufgestiegen. Um unser noch immer umfangreiches Expeditionsgepäck zu transportieren, müssen wir die Strecke mehrmals laufen. Zuerst mit einem vollen Rucksack, dann leer zurück und schließlich mit den aufgepackten Pulka-Schlitten nochmals. Durch den schweißtreibenden Aufstieg und die trübe Wetterlage ist am Abend fast alles nass. In den nächsten Tagen werden wir uns nur noch unregelmäßig melden können, da wir die Batterie des Toughbook vor Ilulissat nicht mehr laden können.



Donnerstag, 08. Juni - 69°20'54''N 50°23'11''W:
Nach dem anstrengenden Abstieg vom Inlandeis legen wir heute einen Ruhetag ein. Bei regnerischem Wetter planen wir unsere Route nach Ilulissat und sortieren unsere Ausrüstung für den Gepäcktransport mit Rucksäcken. Die meiste Zeit verbringen wir im Zelt. Wir lesen, schlafen, essen und hören Musik. Der Geruch des Meeres und die Stimmen vieler Vögel sind nach den Tagen im ewigen Eis eine willkommene Abwechslung.



Mittwoch, 07. Juni - 69°20'54''N 50°23'11''W:
Wir haben das grönländische Inlandeis überquert! Im Laufe des Tages steigen wir über den Gletscher Sermeq avangnardleq bis zum Fjord Sikuiuitsoq ab. 12 Stunden lang suchen und finden wir einen Weg zwischen Gletscherspalten hindurch, an zerklüfteten Eisbrüchen vorbei und über raues Eis, bis wir nach 23 Tagen der reinen Inlandeisüberquerung am Meer der Westküste ankommen. Unsere Expedition ist damit allerdings nicht zu Ende, da nun noch der Marsch durch das Küstengebirge bis zum Ort Ilulissat bevor steht.



Dienstag, 06. Juni - 69°26'37''N 50°07'55''W:
Wir erreichen den Gletscher, über den wir vom Inlandeis absteigen. Alle Spalten sind noch solide verschneit und wir können ohne Seilsicherung laufen. Wir stoßen hingegen auf zahlreiche Schmelzwasserbäche, die unsere Route kreuzen und die wir durchqueren müssen. Die Ski tauchen unter und selbst mit den Schuhen stehen wir bis über die Knöchel im Wasser - Waten durch Gletschersumpf. In 10 Stunden schaffen wir dennoch 33 km und das Festland liegt nun zum Greifen nah vor uns. Unser Zelt steht inmitten eines Panoramas aus Eisbrüchen und den Bergen der Westküste.



Montag, 05. Juni - 69°25'22''N 49°23'31''W:
Der Kreis schließt sich. Vor einer Woche kam der Wind und seitdem sind wir in den letzten Tagen nur mit den Parawings gesegelt. Heute legt sich der Wind jedoch im Laufe des Tages komplett und unsere Segel wandern zurück in die Pulka-Schlitten. Wir laufen noch einige Stunden und schaffen insgesamt 44,7 km. Bis zum Land, welches sich stellenweise erstmalig wieder am Horizont zeigt, sind es nur noch gute 25 Kilometer. Die Sonnenstrahlen brennen vom Himmel - ein guter Schutz ist dagegen unverzichtbar!



Sonntag, 04. Juni - 69°19'19''N 48°17'07''W:
Nun sind es nur noch weniger als 100 Kilometer bis zum Rand des Inlandeises. In großen Wellen fällt das Eis zur Küste hin ab. An manchen Stellen stoßen wir wieder auf Gletscherspalten, die wir aber weitläufig passieren. Auf 33 km Strecke verlieren wir heute weitere 300 Höhenmeter und sind nur noch etwas über 1400 Meter hoch. Da wir in dieser Woche dank des Windes und der Parawings gut voran gekommen sind, werden wir den zeitaufwendigen und anspruchsvollen Abstieg und Weiterweg nach Ilulissat in Angriff nehmen. So wollen wir versuchen diesen Ort aus eigener Kraft zu erreichen. Aus der Gegend gibt es keine detaillierten Karten, daher ist es momentan noch ungewiss, wie viel Zeit wir für die Strecke benötigen werden.



Samstag, 03. Juni - 69°14'35''N 47°28'37''W:
Der Tag beginnt wie ein normaler Segeltag. Der anfangs mäßige Wind nimmt jedoch an Stärke zu und er dreht so weit, dass die Handhabung der Parawings bei Seitenwind und hoher Geschwindigkeit immer schwieriger wird. Nach mehreren Stürzen bricht an Martins Pulka das Zuggestänge - nach einer Reparatur geht es jedoch mit rasantem Tempo weiter. Wir segeln merklich abwärts und treffen im stufigen Gelände des Inlandeises auf die ersten Gletscherspalten. Nach 91 km - unserem Tagesrekord - sind wir der Abstiegszone vom Eisplateau sehr nahe gekommen.



Freitag, 02. Juni - 68°45'33''N 45°38'00''W:
Um 4 Uhr klingelt der Wecker. Wir wollen den am Vormittag meist stärkeren Wind zum Segeln nutzen und stehen daher heute so früh auf. Kurz nach 6 segeln wir los. In den ersten anderthalb Stunden fahren wir mit hoher Geschwindigkeit - die aufgehende Sonne im Rücken - schon 31 Kilometer weit. In der zweiten Segeleinheit nimmt der Wind an Stärke zu und treibt uns mit maximal 13 m/s an. Bei dieser hohen Windgeschwindigkeit wird es immer schwieriger die 16 qm großen Parawings zu kontrollieren. Wir segeln voll konzentriert, aber trotzdem stürzen Martin und Johannes mehrfach. Leinen reißen und verknoten sich. Nach 53,6 km reparieren wir über insgesamt 9 Stunden die Parawings. Der Tag, der so verheißungsvoll begann, endet im Frust.



Donnerstag, 01. Juni - 68°32'08''N 44°27'32''W:
Am Morgen weht guter Segelwind, doch nach dem Frühstück bekommt Martin starke Magenschmerzen und einen Schwindelanfall, der ihn für eine Weile komplett aus dem Rennen wirft. Bis er wieder auf den Beinen ist, vergeht der Vormittag. Zu allem Übel verheddern sich Georgs Segelleinen beim Start und wir kommen daher nochmals um über eine Stunde verspätet los. Bis der Wind am Nachmittag fast komplett nachlässt, segeln wir dennoch 38 Kilometer - bei ständigem Sonnenschein ein angenehmes Vorwärtskommen.



Mittwoch, 31. Mai - 68°15'14''N 43°55'14''W:
Nach dem gestrigen langen Segeltag ist es heute morgen fast windstill. Wir warten ab und verbringen den Vormittag im Zelt mit lesen und Musik hören. Gegen Mittag frischt der Wind erneut auf und wir segeln wieder los. Allerdings ist unser Glück nur von kurzer Dauer. Schon nach zwei Stunden, in denen wir lediglich 10,7 km zurücklegen, schläft der Wind wieder ein. Wir lassen es gut sein und nutzen den Rest des Tages für Foto- und Filmaufnahmen. Von den geplanten 40 Tagen ist die Hälfte vorüber und wir haben in dieser Zeit 400 von insgesamt etwa 750 Kilometern zurückgelegt.



Dienstag, 30. Mai - 68°11'13''N 43°44'06''W:
Der erste reine Segeltag beginnt mit leichten Startschwierigkeiten. In der ersten Pause entreißt der Wind beinahe Martins Segel - Georg kann es aber gerade noch fassen. Dadurch verheddern sich die Leinen so sehr, dass wir über eine Stunde benötigen, um sie wieder zu entwirren. Doch danach segeln wir Stunde um Stunde durch meist trübes Wetter. Der Horizont ist nur eine leichte Schattierung im sonst konturlosen Weiß zwischen oben und unten. Zum Ende des Tages schläft der Wind fast ein. Trotzdem kommen wir unserem Ziel an der Westküste um 70 Kilometer näher. 



Montag, 29. Mai - 67°45'57''N 42°29'07''W:
Am fast windstillen Morgen bekommen wir überraschend Besuch von einen kleinem Schwarm Elfenbeinmöven. Sie sind wohl auf dem Weg zu ihren Brutplätzen im hohen Norden Grönlands und bringen uns den erhofften Wind mit. Nach der ersten Laufstunde nimmt der leichte Rückenwind an Stärke zu und wir können zum ersten Mal auf unserer Expedition die Parawing-Segel einsetzen. In den folgenden Stunden verschlechtert sich das Wetter - es wird trüb und fängt leicht an zu schneien. Der Wind bleibt uns allerdings treu und wir schaffen bis zum Abend 53,6 Kilometer und segeln dabei ohne es zu merken über den höchsten Punkt unserer Transversale!



Sonntag, 28. Mai - 67°28'32''N 41°28'23''W:
Der ohnehin schwache Wind legt sich im Laufe des Tages völlig, daher steht ein weiterer reiner Lauftag an. Bei Temperaturen von minus 6 Grad im Schatten schwitzen wir in der prallen Sonne, und nach und nach wandern Handschuhe, warme Mützen und die winddichten Jacken zum Trocknen auf die Pulka-Schlitten. Nach einer zum Vortag nochmals gesteigerten Tagesetappe von 27,3 Kilometern sind wir nun nicht mehr weit vom höchsten Punkt unserer Route entfernt. Wir hoffen diesen morgen zu passieren und den zuletzt sanften Anstieg gegen einen ebenso sanften Abstieg zu tauschen.



Samstag, 27. Mai - 67°16'53''N 41°05'04''W:
Inzwischen haben wir die Zone erreicht, in der wir täglich mit günstigem Wind für unsere Parawing-Segel rechnen. Damit hoffen wir die tägliche Marschstrecke deutlich erhöhen zu können, nur muss der Wind dafür mit mindestens 5 m/s aus einer nutzbaren Richtung wehen. Im Gegensatz zu den letzten Tagen weht der Wind heute zwar aus einer günstigen Richtung, aber er ist zu schwach, um uns voranzutreiben. Daher laufen wir wie gewohnt weiter und erreichen am Ende des Tages dennoch eine neue Bestleistung von 25,8 Kilometern.



Freitag, 26. Mai - 67°05'35''N 40°43'57''W:
Während unserer Grönland Transversale stehen wir mit mehreren Radiosendern und Zeitungsredaktionen per Satellitentelefon in Kontakt. Schon heute morgen um 8 Uhr hat Martin, noch im Schlafsack liegend, erneut ein Interview mit Radio Wuppertal. Später am Tag, in einer Laufpause, führen Georg und Martin weitere Gespräche mit Radio SAEK in Chemnitz und WDR Eins Live. Bei gefühlten minus 15 Grad müssen anstelle des kuscheligen Schlafsacks nun die dicken Daunenjacken für Wärme sorgen. Frisch wird es auch wieder am Abend im Zelt, während wir dieses Tagebuch auf der Homepage aktualisieren und Johannes seine Kolumne für den Gießener Anzeiger schreibt und per Mail verschickt.



Donnerstag, 25. Mai - 66°58'13''N 40°28'15''W:
Auf knapp minus 30 Grad fällt in der Nacht die Temperatur. Noch morgens um 7 Uhr, als wir uns aus den Schlafsäcken schälen, sind es minus 20 Grad im Schatten. Da aber schon früh die Sonne auf unser Zelt scheint, wird es zumindest darin rasch angenehm warm. Als im Laufe des Tages der Wind aufhört, der uns bisher die meiste Zeit entgegen bläst, erwärmt sich die Luft auf nahezu Null Grad. In der prallen Sonne sind es gar über 20 Grad - ein Temperaturunterschied von über 50 Grad zwischen Nacht und Tag. Einige Zeit können wir daher wieder in den Unterhemden laufen, was sehr angenehm ist. Wir schaffen dabei fast 25 Kilometer und gewinnen nach wie vor stetig an Höhe. Wir hoffen in vier Tagen am höchsten Punkt zu sein, wenn wir weiterhin so gut voran kommen, wie in den letzten Tagen.



Mittwoch, 24. Mai - 66°47'46''N 40°07'19''W:
Nach 23 Kilometer Laufstrecke sind heute die letzten Berge am östlichen Horizont verschwunden. Lange konnten wir noch schemenhaft den Mount Forel im Schweizerland erkennen, doch nun umgibt uns nur noch das endlos erscheinende Eis. Die nächsten Berge werden wir erst an der Westküste wieder zu Gesicht bekommen. Doch bis dahin sind es noch mehrere hundert Kilometer. Wir sind schon jetzt auf diesen Augenblick gespannt.



Dienstag, 23. Mai - 66°36'31''N 39°53'42''W:
In der Nacht fällt die Temperatur auf unter minus 22 Grad, doch das Zelt wird früh von der Sonne angenehm erwärmt. Erneut absolvieren wir 7 Stunden reine Laufzeit und legen dabei 22 Kilometer zurück. Auf dem Weg nordwärts nach Ilulissat überqueren wir heute den Polarkreis - ein weiteres Zwischenziel. Außerdem überschreiten wir am Ende des Tages die 2000 Meter Höhenlinie. Noch liegen etwa 700 Höhenmeter bis zum Scheitelpunkt des Inlandeises auf unserer Route vor uns. 



Montag, 22. Mai - 66°26'22''N 39°36'06''W:
Am Morgen legt sich der Sturm. Bei leichtem Gegenwind Laufen wir über die nun verfestigte Schneedecke los. Die Oberfläche des Inlandeises wirkt wie ein plötzlich gefrorener Ozean. Schneewehen reihen sich wie Wellenkämme aneinander. Dazwischen liegen blankgefegte Eisflächen. Die Pulka-Schlitten knirschen auf dem harten Untergrund und rumpeln über die Schneewehen. Trotz dieser Unebenheiten kommen wir gut voran. Bei erneut strahlendem Sonnenschein erhöhen wir unser Tagespensum um eine Stunde und erreichen mit 24,1 km unsere bisher längste Strecke an einem Tag. Am Abend im Zelt übertragen wir die GPS-Koordinaten in eine Karte. Sollten wir weiterhin so gut voran kommen, überschreiten wir morgen den Polarkreis.



Sonntag, 21. Mai - 66°15'27''N 39°18'32''W:
Im Laufe des Tages wird aus dem gestrigen Gegenwind ein Sturm, der uns mit 15 m/s entgegen bläst. In geduckter Haltung stemmen wir uns ihm entgegen und letztendlich schaffen wir sogar 19 Kilometer. Erneut laufen wir dafür 6x 60 Minuten. Zwischendurch pausieren wir nur kurz und setzen uns mit den Rücken gegen den Wind auf die Pulka-Schlitten. Während des Laufens bilden sich in unseren Gesichtern Eisgebilde - gefrorener Atem, Schweiß und Rotz.



Samstag, 20. Mai - 66°06'16''N 39°06'42''W:
Vor 10 Tagen sind wir in Tasiilaq aufgebrochen. Für 30 Tage haben wir nun noch Lebensmittel in den Pulka-Schlitten. In dieser Zeit müssen wir die Westküste erreicht haben - aber noch liegen wir hinter unserem Zeitplan zurück. Doch über Nacht haben sich die Bedingungen gebessert. Starker Nordwest-Wind, der uns mit bis zu 8 m/s entgegen bläst, presst den lockeren Schnee zusammen und wir kommen besser voran. Erneut haben wir 15 Kilometer geschafft. Der Wind macht es jedoch spürbar kälter, weshalb wir die Kapuzen unserer winddichten Softshell Jacken überziehen müssen. Der Kompasskurs weist von nun an direkt auf unser Ziel in der Disko-Bucht. Bis dahin geht es nur noch geradeaus und wir orientieren uns während des Laufens an der Sonne und unseren Schatten. Zwischendurch kontrollieren wir die Richtung mit den GPS-Geräten und den Kompassen.



Freitag, 19. Mai - 65°59'10''N 38°56'21''W:
Obwohl es von nun an flacher ansteigend weiter auf das Inlandeis hinauf geht, kommen wir heute nur mühsam voran. Tiefer Schnee bremst uns und die Pulka-Schlitten. Zum Teil schaffen wir in einer Stunde nur knappe zwei Kilometer. In den letzten Tagen war es überwiegend windstill, weshalb der neu gefallene Schnee nicht verfestigt wird. Ohne Wind ist auch an den Einsatz unserer Parawing-Segel nicht zu denken, die uns ein leichteres Vorankommen ermöglichen würden.



Donnerstag, 18. Mai - 65°54'21''N 38°43'14''W:
Das Inlandeis breitet sich in Wellen vor uns aus. Über 8 Stunden laufen wir hinaus auf dieses Meer aus Eis und Schnee. Die Weite zeichnet sich schon ab, auch wenn sich momentan noch die Berge und Täler der Ammassalik Insel und des Johan Petersen Fjords am Rande unserer Route zeigen. Auch oberhalb des Brückner Gletschers sind alle Spalten solide verschneit. Weiterhin können wir auf eine Seilsicherung verzichten und kommen gut voran. Über 15 Kilometer schaffen wir an diesem Tag.



Mittwoch, 17. Mai - 65°48'37''N 38°28'27''W:
Früh brechen wir auf, um den am Morgen noch festen Schnee zu nutzen. Steil geht es den Gletscher aufwärts. Erneut brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Die hohen Temperaturen überraschen uns, da wir zu dieser Jahreszeit noch mit kälteren Temperaturen gerechnet haben. Unser heutiger Lagerplatz liegt auf knapp 1000 Höhenmetern, von wo unser Blick vom Sermilik-Fjord, über das Küstengebirge bis zum Inlandeis reicht, welches sich am Horizont ausdehnt.



Dienstag, 16. Mai - 65°46'42''N 38°21'26''W:
Am Morgen weckt uns die Sonne. Schnell hängt die vom Schneeregen der letzten Tage durchnässte Ausrüstung vorm Zelt. Nach zwei Stunden brechen wir auf und gelangen über einen gefrorenen See zum Fuß eines Gletschers, der hinauf zum Inlandeis zieht. Die heißen Sonnenstrahlen haben den tiefen Schnee aufgeweicht und nur mit der Unterwäsche bekleidet, mühen wir uns erneut über 300 Höhenmeter den Gletscherhang hinauf. Der Schweiß rinnt in Strömen und die Sonne verbrennt uns die Gesichter. Mit Blick in Richtung des Johan Petersen Fjord errichten wir das Zelt.



Montag, 15. Mai - 65°42'20''N 38°01'00''W:
Über Nacht sind etwa 30 Zentimeter Neuschnee gefallen. Bei andauerndem Schneefall entpuppt sich der Umweg über den Bergrücken als zeitraubender Kraftakt. Etappenweise zerren wir die schweren Pulka-Schlitten jeweils zu dritt nach oben. Anders ist die Last nicht zu bewältigen. Für die 350 Höhenmeter brauchen wir etwa 8 Stunden. Beim ebenso steilen Abstieg geht Johannes Pulka-Gestänge zu Bruch. Sicherheitshalber seilen wir die Pulkas die nächsten 2 Stunden bis zu einem See den Hang ab. Dort schlagen wir nach über 10 Stunden harter Arbeit unser Zelt auf. Zur Belohnung gibt es als Nachtisch Mousse au Chocolat.



Sonntag, 14. Mai - 65°43'13''N 38°08'14''W:
Über Nacht hat sich die Eislage weiter gebessert - heute morgen sehen wir von unserem Aussichtspunkt mehr offenes Wasser als Eis. Während wir die Pulkas packen setzt Schneetreiben ein. Gegen 12 Uhr kommt Tobias mit dem Hundeschlitten aus Tasiilaq und wir beladen das Boot. In einer ersten Überfahrt bringt er Georg und Johannes samt einer Pulka über den Fjord. Martin wartet über zwei Stunden bei den Hunden, bis auch er mit den restlichen beiden Pulkas von Tobias nach Qerpik gebracht wird. Die Überfahrt bei Schneeregen in dem kleinen offenen Boot ist kalt und ungemütlich. Doch leider können wir nicht an der ursprünglich geplanten Stelle landen, da diese vom Eis blockiert ist. Für morgen steht uns daher ein Umweg über einen steilen Bergrücken bevor.



Samstag, 13. Mai - Ikateq:
Schon gestern Abend kam das Eis in Bewegung und driftete aus dem Fjord. Durch den Nebel sind heute größere freie Flächen zu sehen, aber nach wie vor auch Eisberge und ausgedehnte Packeisfelder. Wir sind unsicher, ob es möglich wäre, mit dem kleinen Boot einen Durchschlupf zu finden. Nach einem Telefonat mit Tobias entscheidet er, morgen zu kommen und die Eislage selbst zu beurteilen. Wir verbringen den Rest des Tages bei leichtem Schneefall und Temperaturen um die Null Grad im Zelt mit Bücher lesen und Musik hören.



Freitag, 12. Mai - Ikateq:
In Ufernähe treiben kleinere Eisschollen im Wasser, doch weiter entfernt inmitten des Fjordes zeigt sich eine nahezu geschlossene und zerklüftete Eisfläche, in der große Eisberge eingeschlossen sind. An eine Überfahrt mit dem Boot ist bei diesen Bedingungen auch heute nicht zu denken. Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterhin geduldig zu warten. Die arktische Natur diktiert uns die ihr eigene Geschwindigkeit. Wir nutzen die Zeit und erkunden die verlassene Siedlung Ikateq. Neben neun Wohnhäusern entdecken wir auch eine kleine Kirche samt Schulraum. Laut Jäger Tobias wohnen hier inzwischen nur noch die Geister.



Donnerstag, 11. Mai - Ikateq:
Am Morgen hüllt sich Tasiilq in Nebel. Der Weiterflug nach Isortoq ist ungewiss. Aber zum Glück haben sich die Eisbedingungen im Sermilikfjord geändert, weshalb wir spontan den Flug absagen und doch mit dem Jäger Tobias und ein paar weiteren Grönländern mit Hundeschlitten aufbrechen. Unsere Pulkas werden auf drei Gespanne verteilt - wir laufen mit den Ski hinterher. Das Gelände der Ammassalik Insel ist bergig und die Hunde haben an den voll beladenen Schlitten schwer zu ziehen. Nach einigen Stunden erreichen wir den Fjord, der aufgrund der Strömung aber doch schon wieder mit Eis verstopft ist. So ist es weder mit einem Boot, noch mit den Hundeschlitten möglich, die andere Seite und den Zugang zum Inlandeis zu erreichen. Neben der verlassenen Siedlung Ikateq harren wir nun im Zelt aus und hoffen auf einen eisfreien Fjord in den nächsten Tagen, um von Tobias mit dem Boot hinüber gebracht werden zu können.



Mittwoch, 10. Mai - Tasiilaq:
Bevor wir morgen zum Ausgangspunkt der Eiswanderung weiterreisen, gehen wir heute zuerst noch zur Polizei, wo wir unsere Expedition anmelden und die Genehmigung vom Danish Polar Center vorlegen. Zwei der grönländischen Polizisten kontrollieren anschließend noch unsere Sicherheitsausrüstung und geben ihr okay für den Start. Den Rest des Tages verbringen wir damit die technische Ausrüstung zu optimieren und letztmalig zu testen. Die Eisverhältnisse im Sermilik-Fjord erlauben es wahrscheinlich nicht, den alternativen Aufstiegspunkt mit dem Hundeschlitten und dem Boot zu erreichen. Darum werden wir voraussichtlich morgen früh mit dem Helikopter nach Isortoq fliegen.



Dienstag, 09. Mai - Tasiilaq:
Der Nebel hat sich über Nacht verzogen und dem Flug in dem mit 8 Personen vollbesetzten Helikopter nach Tasiilaq steht nichts mehr im Weg. Dort angekommen liegt unser Gepäck schon im Abstellraum des Heliports bereit, von wo uns ein Taxi samt den 12 Gepäckstücken zum Roten Haus bringt. Das von Robert Peroni geführte Gästehaus ist eine ideale Basis für Touren in der Ammassalik Region. Auch wir nutzen diesen Ort, um hier die letzten Besorgungen vor unserem Start zu erledigen. Zudem ist noch offen, ob wir erneut mit einem Helikopter zu unserem geplanten Startpunkt der Expedition Isortoq weiterfliegen, oder mit Hilfe eines einheimischen Jägers per Hundeschlitten und Boot einen alternativen Aufstiegspunkt zum Inlandeis erreichen können. Die Entscheidung wird je nach den Eisbedingungen morgen fallen.



Montag, 08. Mai - Kulusuk:
Am Mittag fliegen wir mit nur einem weiteren Fluggast von Reykjavik nach Kulusuk in Ost-Grönland. Beim Anflug auf den Flughafen erstrecken sich unter uns die schneebedeckten Gipfel der Ostküste mit den zugefrorenen Fjorden dazwischen, in denen große Eisberge feststecken. Nach unserer Ankunft müssen wir erfahren, dass der Anschlussflug per Helikopter wegen Nebel über Tasiilaq für heute ausfällt. Notgedrungen quartieren wir uns im Hotel Kulusuk ein, von wo wir noch einen Abstecher ins Dorf unternehmen und dort durch die bunten Häuser des 350-Seelen Ortes schlendern. Langsam entfällt die Hektik der letzten Vorbereitungsphase und wir werden gezwungen, uns an die Umstände des Reisens auf Grönland zu gewöhnen.



Montag, 08. Mai - Reykjavik:
Nach einer langen Anreise über London Stansted sind wir mitten in der Nacht auf Island angekommen. Bei nur 4 Grad ging schon früh am Morgen die Sonne wieder über Reykjavik auf. Jetzt warten wir auf unseren Weiterflug nach Kulusuk in Ost-Grönland, wo wir dann mittags in Eis und Schnee landen werden.





Trainingstour auf der Hardangervidda in Norwegen - Februar 2006

von Martin Hülle


Freitag, 10. Februar:
Gegen 18 Uhr erreichen wir mit dem VW-Bus Fagerheim. Kurz dahinter stellen wir den Wagen ab und packen bei zunehmender Dunkelheit unsere Pulka-Schlitten. Die Kälte ist ungewohnt - etwa minus 15 Grad. Im Schein der Stirnlampen laufen wir noch ein kurzes Stück bis zum Rand des Veslekrækkja und schlagen dort unser Zelt bei Windstille auf. Bald faucht der Primus Kocher und eine warme Trekking-Mahlzeit wandert in unsere hungrigen Mägen. Wir sind gespannt auf die kommenden Tage.


Samstag, 11. Februar:
Sonne und Wolken erwarten uns am Morgen. Über den Veslekrækkja weht ein leichter Wind. Wir packen unsere Parawing-Segel aus, werden jedoch enttäuscht. Es reicht nur dafür, die Segel ein wenig hoch zu halten. Damit sie uns ziehen können, bedarf es einer stärkeren Briese. Also laufen wir mit den Skiern weiter. Über die Seen Heinungen und Øvre Hein. Die Sonne verschwindet früh hinter den Bergen und weicht dem Mond. Es wird kalt. Aber die in violettes Licht getauchte Landschaft fasziniert uns.



Sonntag, 12. Februar:
Immer wieder blicken wir heute auf unseren Windmesser. Aber die 3 m/s reichen nicht aus, um mit den Parawings über den Schnee zu gleiten. Mehrfach versuchen wir es, doch es ist zwecklos. Daher laufen wir die meiste Zeit in südlicher Richtung gen Rauhellern. Als am Nachmittag für einen kurzen Moment der Wind an Stärke zunimmt, schaffen wir es ein paar Meter zu segeln. Doch rasch legt er sich wieder. Also weiter Laufen. Das sind wir gewöhnt - das Segeln wollen wir jedoch trainieren!! Nur wo bleibt der stärkere Wind, der hier doch sonst meistens weht?



Montag, 13. Februar:
Als am Morgen die Sonne rauskommt, schnellt das Thermometer auf über plus10 Grad. Ohne Mütze und Handschuhe laufen wir los - die Parawings bleiben den ganzen Tag in den Schlitten verstaut. Totale Flaute!! Auf dem Langesjøen kommt plötzlich Nebel auf und hüllt uns ein. Nur schemenhaft zeigt sich noch die Sonne. Sogleich fällt die Temperatur wieder in den Keller. Doch kurz bevor es dunkel wird, klart es wieder auf und der Vollmond steht am bläulichen Himmel. Eine wunderschöne Szenerie.



Dienstag, 14. Februar:
Endlich Wind!! Wir bleiben an Ort und Stelle und versuchen mit dem 16qm Parawing vor dem Zelt hin und her zu kreuzen. Es dauert eine Weile, bis wir ein wenig Gefühl für das Segel entwickeln und nicht bei jedem Ruck unsanft in den Schnee fliegen. Georg ist im Parawing-Segeln trainierter als Johannes und ich. Immer wieder kommt er problemlos an seinen Ausgangspunkt zurück. Doch uns beide verschlägt es in alle Richtungen. Als am Nachmittag der Wind an Stärke zunimmt, ist er bald schon zu gewaltig für die großen Segel. Wir probieren noch eine Weile ein kleineres 10qm Parawing, bevor wir uns schließlich im Zelt verkriechen.



Mittwoch, 15. Februar:
Aus dem Wind wird Sturm. Die Sicht beträgt nur wenige Meter. Schneetreiben wirbelt um das Zelt herum und begräbt die Pulka-Schlitten unter sich. Zusehends versinkt auch unsere Behausung im ewigen Weiß. Wir warten auf Besserung, um wieder Segeln zu können. Aber der Luftdruck fällt in den Keller und mit ihm alle Hoffnung. Wir bleiben im Zelt gefangen und ergeben uns dem wechselhaften Wetter der Hardangervidda. Doch noch ist nicht aller Tage Abend - der perfekte Segelwind wird schon noch kommen.




Donnerstag, 16. Februar:
Nach dem Frühstück probieren wir ein verkleinertes 16qm Parawing aus. Aber der Johannes wird prompt herumgewirbelt und beinahe von dem Segel durch den Schnee geschleift. Das Wetter ist kaum besser als am Vortag. Wir packen zusammen und laufen mit den Ski los. Die Sicht ist miserabel. Mit Hilfe des GPS, Karte und Kompass suchen und finden wir unseren Weg retour in Richtung Halnefjorden. Auf halbem Weg passieren wir eine kleine Hütte mit Plumpsklo - welch ein Segen bei diesem Schneegestöber.



Freitag, 17. Februar:
Rasch wird es heller und die Sonne lugt hervor. Zudem sinkt die Windgeschwindigkeit auf optimale 5 m/s. Am Övre Hein holen wir schnell die Parawings hervor, doch bevor mich das Segel in die gewünschte Richtung zieht, stürze ich bei den Startversuchen - mit der Pulka im Schlepp - erst noch mehrmals in den Schnee. Georg entschwindet am Horizont, während Johannes und ich Hochs und Tiefs erleben. Im Laufe des Tages bekommen wir jedoch ein besseres Gefühl für die Parawings und wir schaffen es ab und an längere Strecken am Stück zu Segeln. Die Zeit vergeht wie im Flug und mit Einbruch der Dunkelheit erreichen wir unseren Ausgangspunkt.



Samstag, 18. Februar:
Mit dem Auto fahren wir zum See Ørteren. Aber der Wind hat sich wieder gelegt. Ein letzter Segelversuch verliert sich in leichtem Schneefall und trübem Licht. Wir laufen noch eine Weile mit den Ski über den See, bevor wir all unser Zeug zusammen packen und uns auf den Heimweg machen. Unser Ziel, auf der sonst so windigen Hardangervidda intensiv das Parawing-Segeln zu trainieren, wurde überwiegend vom Sturm verweht oder behutsam in Windstille gepackt. Dennoch: Grönland kann kommen - mit und ohne Wind.



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