Grönland
Das Ziel
Windenergie
Die Reise
Gefahren & Probleme
Training & Planung
Tagebuch
Geschichte
Bildergalerie
Geschichte

Grönland Transversale 2006

von Martin Hülle

Es ist Mitte Mai. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel herab. Schweiß rinnt mir in Strömen am Gesicht herunter, über Brust und Rücken. Mit aller Kraft zerren wir die über hundert Kilo schweren Pulka-Schlitten den Gletscherhang hinauf. Von der Kälte des Inlandeises ist nichts zu spüren. Im Laufe des Tages weicht die Schneeoberfläche auf und wir sinken tief mit den Skiern darin ein. Zu dieser Jahreszeit hatten wir mit niedrigeren Temperaturen gerechnet, aber nun mühen wir uns nur mit Unterwäsche bekleidet, dem Inneren Grönlands entgegen. Dieser weißen Weite aus endlos erscheinendem Schnee und Eis.

Ankunft auf Grönland
Eine Woche zuvor landen wir in Tasiilaq, dem größten Ort an Grönlands unwirtlicher Ostküste. Knapp 2000 Menschen leben dort. Nach eineinhalbjähriger Vorbereitungszeit, umfangreicher Planung und hartem Konditionstraining, wirkt unsere bevorstehende Inlandeisüberquerung wie die Kür nach all der bürokratischen Pflicht und den vielen Waldläufen daheim. Unser Ziel: Ilulissat an der Westküste, 750 Kilometer entfernt. Dazwischen das ewige Eis der größten Insel der Welt. 40 Tage haben wir Zeit, um diese Strecke mit Ski und Parawings zu bewältigen, so lange werden unsere Lebensmittel und der Brennstoff reichen.

Tobias, ein Jäger aus Tasiilaq, bringt uns mit ein paar weiteren Grönländern und mehreren Hundeschlitten über die Ammassalik Insel. Unsere Pulkas sind auf drei Gespannen festgezurrt, wir laufen mit den Ski hinterher. Der Weiterweg vom Rand der Insel ist jedoch blockiert, da Eis den Sermilik-Fjord verstopft. Noch kann uns Tobias nach der Hundeschlittenetappe nicht mit seinem Boot hinüber bringen, zum Festland, wo unsere Expedition endgültig beginnen soll. Er lässt uns zwischen verlassenen Häusern in Ikateq zurück - wir müssen abwarten, bis der Fjord weitestgehend eisfrei ist. Vorher überreicht er uns noch ein Gewehr - zum Schutz vor Eisbären. Auch in dieser Region wurde das Eis in den letzten Jahren auf den Fjorden immer dünner oder es bildete sich erst mit monatelanger Verspätung. Dadurch verkürzt sich der Zeitraum, in dem es mit Hundeschlitten befahren werden kann. Den Grönländern sind so die Wege zu ihren Jagdgründen versperrt und immer weniger können ihren Lebensunterhalt ausschließlich auf traditionelle Weise bestreiten.

Schon jetzt fordert uns die arktische Natur heraus: sie diktiert uns die ihr eigene Geschwindigkeit. Geduldig verharren wir im Zelt, erkunden die Umgebung, immer angespannt, ob nicht hinter dem nächsten Stein, dem nächsten Eisberg der König der Arktis auftaucht. Doch es zeigt sich kein Polarbär und schon nach zwei Tagen hat die Strömung das Eis soweit aus dem Fjord getrieben, das Tobias uns hinüber bringen kann. Die Überfahrt bei Schneeregen in dem kleinen, offenen Boot ist kalt und ungemütlich. Als er uns an der Küste absetzt und kehrt macht, sind wir allein. Wir verschwenden keinen Gedanken daran und machen uns sofort an die Arbeit. Die Wolken hängen tief in den von schroffen Bergen umstandenen Tälern. Vor uns liegt der Aufstieg auf das Inlandeisplateau, doch bis dahin versperrt uns noch ein Pass den Weg. Werden die 40 Tage reichen?

Aufstieg zum Inlandeis
Über Nacht fallen 30 Zentimeter Neuschnee. Der 350 Meter hohe Pass entpuppt sich als zeitraubender Kraftakt. Durch den tiefen Schnee zerren wir die schweren Pulkas etappenweise jeweils zu dritt nach oben - anders ist die Last nicht zu bewältigen. Nach über 10 Stunden stehen wir auf der anderen Seite. Schon jetzt mit Erschöpfung in den Knochen - die Westküste Grönlands erscheint noch unfassbar weit weg.

Das Wetter bessert sich, doch die Anstrengung bleibt. Nach einem Flachstück über mehrere Seen beginnt der Aufstieg über Gletscherhänge hinauf zum Plateau. Noch immer ist der Schnee tief, dazu nun der wolkenlose Himmel und die brennende Sonne. Schneckengleich arbeiten wir uns empor, bis wir auf knapp 1000 Höhenmetern das Zelt aufbauen. Unser Blick wandert vom Sermilik-Fjord, über das Küstengebirge bis zum Inlandeis, welches sich langsam am Horizont ausdehnt.

Auch oberhalb des Brückner Gletschers sind alle Spalten solide verschneit. Weiterhin können wir auf eine Seilsicherung verzichten und wir laufen hinaus auf dieses Meer aus Eis und Schnee. Obwohl es von nun an flacher ansteigend weiter auf das Inlandeis hinauf geht, kommen wir weiterhin nur mühsam voran. Der tiefe Schnee bremst uns und die Pulkas. Zum Teil schaffen wir in einer Stunde nur knappe zwei Kilometer. Da es in den letzten Tagen überwiegend windstill war, hat sich der neu gefallene Schnee noch nicht verfestigt. Wieder ist Geduld gefragt. Doch schon über Nacht bessern sich die Bedingungen. Starker Nordwest-Wind presst den lockeren Schnee zusammen und wir kommen von nun an schneller voran. Der Kompasskurs weist direkt auf unser Ziel in der Disko-Bucht. Bis dahin geht es nur noch geradeaus und wir orientieren uns während des Laufens an der Sonne und unseren Schatten.

Gegenwind
Im Laufe des folgenden Tages wird aus dem Gegenwind ein Sturm, der uns mit 15 m/s ins Gesicht bläst. In geduckter Haltung stemmen wir uns ihm entgegen, mit stoischer Hartnäckigkeit und letztendlich schaffen wir sogar 19 Kilometer. Erneut laufen wir dafür 6 x 60 Minuten. Zwischendurch pausieren wir nur kurz und setzen uns mit den Rücken gegen den Wind auf die Pulka-Schlitten. Jeder hängt seinen Gedanken nach und während des Laufens entstehen in unseren Gesichtern Eisgebilde - gefrorener Atem, Schweiß und Rotz.

Als sich der Sturm legt, laufen wir bei leichtem Gegenwind über die nun verfestigte Schneedecke weiter. Die Oberfläche des Inlandeises wirkt wie ein plötzlich gefrorener Ozean. Schneewehen reihen sich wie Wellenkämme aneinander. Dazwischen liegen blank gefegte Eisflächen. Die Pulka-Schlitten knirschen auf dem harten Untergrund und rumpeln darüber. Trotz dieser Unebenheiten kommen wir nun gut voran. Wir erhöhen bei erneut strahlendem Sonnenschein unser Tagespensum um eine Stunde und knacken zum ersten Mal die 20 Kilometer-Marke. Langsam kommen wir in Fahrt.

Routine im ewigen Eis
Tag für Tag nähern wir uns dem Scheitelpunkt des Inlandeises. Am östlichen Horizont verschwinden die letzten Berge, wo wir noch lange schemenhaft den Mount Forel im Schweizerland erkennen konnten. Doch nun umgibt uns nur noch das endlos erscheinende Eis. Die nächsten Berge werden wir erst an der Westküste wieder zu Gesicht bekommen, noch immer mehrere hundert Kilometer entfernt. Doch die Ausgesetztheit wirkt nicht grenzenlos. Am Horizont scheint sie zu enden, da vorn, was oft so nah aussieht. Gleich müssten wir da sein, nur noch ein paar hundert Meter. Aber so geht es immer fort.

In der Nacht fällt die Temperatur bis auf minus 30 Grad. Am Tage, bei Windstille und in der prallen Sonne, erwärmt sich die Luft auf bis zu 20 Grad plus. Ein gewaltiger Temperaturunterschied. Ob die hohen Temperaturen mit der zunehmenden Erderwärmung zusammen hängen, die gerade in den arktischen Regionen deutlich auftritt? Grönland schmilzt und selbst am Nordpol bricht das Meereis immer früher und weiter auf. Wir schwitzen uns die Seele aus dem Leib, und nach und nach wandern Handschuhe, warme Mützen und die winddichten Jacken zum Trocknen auf die Pulka-Schlitten. Dabei wird das Unterwegssein zur Routine. Schritt für Schritt. Stunde um Stunde. Tag für Tag.

Endlich Segeln
Am Morgen fliegt ein kleiner Schwarm Elfenbeinmöven über unsere Köpfe hinweg. Was für ein überraschender Anblick in dieser so kargen und lebensfeindlichen Umgebung. Ob die Möven auf dem Weg zu ihren Brutplätzen im hohen Norden Grönlands sind? In ihrem Gepäck scheinen sie zumindest den Wind mitgebracht zu haben, auf den wir seit Tagen warten. Nach der ersten Laufstunde nimmt der leichte Rückenwind an Stärke zu, der schon am Vortag zu spüren war, und wir können zum ersten Mal auf unserer Expedition die Parawings einsetzen. Wir schwingen die Segel in die Lüfte und ab geht die Post. Mit Hilfe dieser Segel wollen wir den Wind nutzen, der die meiste Zeit vom Scheitelpunkt des Inlandeises hinab zu den Küsten weht und auf die Effizienz von Windenergie aufmerksam machen. Zwar verschlechtert sich in den folgenden Stunden das Wetter - es wird trüb und fängt leicht an zu schneien -, doch der Wind bleibt uns treu. Nun kann uns nichts mehr aufhalten. Bis zum Abend schaffen wir über 50 Kilometer und segeln dabei ohne es zu merken über den höchsten Punkt auf unserer Route - etwa 2700 Meter hoch.

Aber das Segeln bereitet auch Schwierigkeiten. Am folgenden Tag entreißt der Wind in einer Pause beinahe mein Parawing - Georg kann es aber gerade noch fassen. Dadurch verheddern sich die Leinen jedoch so sehr, dass wir über eine Stunde benötigen, um sie wieder zu entwirren. Anschließend segeln wir aber erneut Stunde um Stunde durch meist trübes Wetter. Der Horizont ist nur eine leichte Schattierung im sonst konturlosen Weiß zwischen oben und unten. Meine Knie schmerzen. Doch die Parole lautet: weiter, immer weiter. Bis der Wind am Ende des Tages einschläft, kommen wir unserem Ziel so weitere 70 Kilometer näher - zu Fuß nur mit den Skiern undenkbar!

Leinenchaos
An einem der folgenden Tage klingelt um 4 Uhr der Wecker. Wir wollen den am Vormittag meist stärkeren Wind zum Segeln nutzen und stehen daher so früh auf. Kurz nach 6 segeln wir los. Bald frischt der Wind weiter auf und er treibt uns mit maximal 13 m/s an. Bei dieser hohen Windgeschwindigkeit ist es fast nicht mehr möglich, die 16 qm großen Parawings zu bändigen. Wir segeln voll konzentriert, aber trotzdem stürzen Johannes und ich mehrfach. Ich hänge an den dünnen Leinen und fühle mich wie eine Marionette im Spiel des Windes. Langsam verliere ich die Kontrolle. Aus dem flotten Spaß wird rasender Ernst. Leinen reißen und verknoten sich. Nach mehr als 50 Kilometern in nicht einmal 3 Stunden ist Schluss! Über weitere 9 Stunden reparieren wir die Parawings - ein Tag, der so verheißungsvoll begann, endet im Frust.

Doch anderntags geht es rasant weiter. Erneut nimmt der anfangs mäßige Wind an Stärke zu und die Handhabung der Parawings bei Seitenwind und hoher Geschwindigkeit wird immer schwieriger. Nach mehreren Stürzen bricht an meiner Pulka das Zuggestänge. Ich überschütte den Schlitten mit Flüchen und verpasse ihm einen heftigen Tritt mit meinen schweren Skistiefeln. Langsam nervt mich die Segelei. Doch nach einer Reparatur des Gestänges geht es mit rauschendem Tempo unerbittlich weiter. Wir segeln merklich abwärts und treffen im stufigen Gelände des Inlandeises auf die ersten Gletscherspalten. Nach 91 Kilometern dann plötzlich Flaute. Trotzdem: Tagesrekord! Der Abstiegszone vom Eisplateau sind wir sehr nahe gekommen. Längst haben wir unseren Zeitplan dank des Windes und der Segel überflügelt.

Im Gletschersumpf
In großen Wellen fällt das Eis zur Küste hin ab. Am Horizont zeigt sich erstmalig wieder Land. Wir erreichen den Gletscher, über den wir vom Inlandeis absteigen wollen. Alle Spalten sind auch hier noch recht solide verschneit und wir verzichten auf eine Seilsicherung. Hingegen stoßen wir auf zahlreiche Schmelzwasserbäche, die unsere Route kreuzen und die wir durchqueren müssen. Die Ski tauchen unter und wir stehen mit den Schuhen bis über die Knöchel im Wasser - Waten durch Gletschersumpf. Diese Abschmelz-Zonen nehmen auf Grönland seit 1979 jedes Jahr um durchschnittlich 16 Prozent zu. Ein Anstieg des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre ist auch ein Grund dafür. Die Nordpolarregion wird sich weiterhin nahezu doppelt so schnell aufheizen wie der Rest des Planeten, wenn die Verbrennung fossiler Energieträger nicht reduziert wird. Ein vermehrter Einsatz und Ausbau regenerativer Energien könnte helfen, diesen Vorgang zu verlangsamen. Wie effizient gerade Windenergie ist, haben wir in den letzten Tagen erlebt. Doch nun ist an ein Segeln nicht mehr zu denken. In 10 Stunden schaffen wir dennoch über 30 km und das Festland liegt nun zum Greifen nah vor uns. Auf den letzten Meter über das raue Eis, vorbei an türkisblauen Schmelzwasserseen, überkommt uns Euphorie. Die Gewissheit, das Inlandeis zu überqueren, es gleich geschafft zu haben, breitet sich in unseren Körpern aus, noch bevor wir die letzten Schritte getan haben.

Zum Ziel
Als wir schließlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, sind wir jedoch noch nicht am Ziel. Bis nach Ilulissat erstreckt sich vor uns auch noch das Küstengebirge, welches wir in den folgenden Tagen durchqueren und das unseren Körpern die letzten Kraftreserven entzieht. Anfang Juni liegt hier nur noch wenig Schnee. Die letzten 40 Kilometer zerren wir die noch immer schweren Schlitten über Moose, Steine, Sumpf und Geröll einfach hinter uns her. Doch nur 34 Tage nach unserem Start in Tasiilaq, empfängt uns endlich das Gejaule unzähliger Schlittenhunde. Zwischen den bunten Häusern von Ilulissat liegen sie angekettet im Dreck. Im Meer dümpeln Eisberge, weißblaue Riesen, welche der Ilulissat-Eisfjord in die Disko-Bucht entlässt, und die in der Mitternachtssonne orange schimmern. Wir sind am Ziel.

Ein Tagebuch und eine Bildergalerie der Grönland Transversale 2006 finden sie unter:
>> Tagebuch
>> Bildergalerie

<< zurück